Nationaltheater
Mannheimer Morgen; 24.11.2025
Sparvorgaben fürs Mannheimer Nationaltheater: Stellenabbau steht bevor
Mannheims Oberbürgermeister Christian Specht hat an alle Theatermitarbeiter einen Brief geschrieben. Was er zum Personalabbau sagt, wie es bei der Sanierung weitergeht und was er vom NTM künftig verlangt.
VOR 22 STUNDEN VON PETER W. RAGGE MM 24.11.2025
Mannheim. Dem Nationaltheater stehen „teils erhebliche Veränderungen“ bevor. Darauf hat Oberbürgermeister Christian Specht die Mitarbeiter eingestimmt. „Das Theater der Zukunft wird anders sein als das Theater der Vergangenheit oder das Theater der Gegenwart“, heißt es in einem Brief, den das Stadtoberhaupt an sämtliche Beschäftigten geschickt hat und der am Wochenende auch an die Schwarzen Bretter aller Spielstätten und Werkstätten gehängt wurde. Darin dankt er ihnen, dass sie „auf diesem herausfordernden Weg ihren persönlichen Beitrag leisten“.
Der Oberbürgermeister fasst in dem Brief zusammen, worauf sich Verwaltung, Intendanz und Vertreter des Gemeinderats in einer Klausurtagung geeinigt haben. Die Mitarbeiter könnten sicher sein, „dass die Stadt zu ihrem Nationalheater steht“. Es soll auch weiter ein Vier-Sparten-Haus (Oper, Schauspiel, Tanz, Kindertheater) sein und die Generalsanierung fortgesetzt werden, und zwar „einschließlich einer klimaresilienten Herstellung des Goetheplatzes“, sprich mit teilweiser Begrünung. „Es ist jedoch unumgänglich, dass der Personalkörper insgesamt verkleinert wird“, schreibt Specht. Man wolle („Stand heute“) auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten, werde aber „freiwerdende Stellen grundsätzlich nicht nachbesetzen“.
„Wir sichern das Haus langfristig, aber es wird ein anderes Haus sein“, fasst Specht auf Anfrage sein Schreiben zusammen. Dazu sei „ein Transformationsprozess unumgänglich“. Dabei sei er dankbar, dass sich die Vertreter der Fraktionen und der Intendanz „in großem Einvernehmen“ auf einen Weg verständigt hätten, die Konsequenzen aus den enormen finanziellen Problemen der Stadt und den Kosten der Generalsanierung zu ziehen. „Die finanzielle Situation ist so angespannt, dass der weitere Betrieb des Hauses nicht ohne Einschränkungen möglich sein wird“, ergänzt Kulturbürgermeister Thorsten Riehle auf Anfrage.
Personalkosten
Mit 53,6 Millionen Euro macht der Personalaufwand 80 Prozent des Gesamtetats des Theaters aus. Daher müsse man da ansetzen, so Riehle. Er hat eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Verwaltung und der Intendanz geleitet, um ein neues Zielbild, wie das genannt wird, zu entwerfen. Man werde „auf die harte Tour“, sprich Kündigungen, verzichten, so Riehle, zumal einige Tarifverträge das nicht zulassen. Man wolle auch „die Funktionalität nicht schädigen“, aber die natürliche Fluktuation ausnutzen. Das Haus muss sich auch darauf einstellen, dass die Stadt nicht – wie bisher – auf Tarifsteigerungen automatisch mit höheren Zuschüssen ausgleicht. „Das werden wir nicht halten können“, so Riehle.
Wo gekürzt wird
Nach Angaben des Geschäftsführenden Intendanten Tilmann Pröllochs hat das Theater derzeit mehr als 800 Mitarbeiter, aber wegen Teilzeitkräften auf 733 Vollzeitstellen. Das muss auf 681 reduziert werden. Fluktuation gebe es immer mal wieder. Wo gekürzt wird, „da gibt es keine Vorgabe, das entscheiden die Spartenintendanten“, sagt er. Auch wo und wie an Inszenierungen gespart werde, liege allein in deren Verantwortung. Aber anzunehmen ist, dass es Stellen beim Orchester (derzeit 103 Musiker) und beim Chor ebenso wie in anderen Bereichen trifft. Wo die „harten Einschnitte“, von denen er spricht, dann erfolgen, könne sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Auf die Frage, ob das künstlerische Auswirkungen habe, sagt Pröllochs nur „natürlich, aber wir werden auch unter geänderten Bedingungen gutes Programm machen können“.
Generalsanierung
Bei der nun auf 295 Millionen Euro bezifferten Generalsanierung sind 25 Millionen Euro bisher nicht finanziert. Dennoch sollen die Bauarbeiten abgeschlossen werden, denn die Einstellung des Baus wäre langfristig teurer, Zuschüsse müssten zurückgezahlt werden, und 90 Prozent der Aufträge sind bereits vergeben. Wegen der angespannten Finanzlage sei es aber „aus dem Kernhaushalt nicht möglich“, die 25 Millionen zu zahlen, so Riehle. Sprich: Die Stadt hat dafür kein Geld. Soweit es nicht gelingt, noch höhere Zuschüsse von Bund und Land oder privaten Gönnern zu bekommen, wozu Gespräche laufen, muss das Theater selbst diesen Betrag als Kredit aufnahmen, Zins und Tilgung tragen – und aus seinem Etat erwirtschaften.
Opal-Finanzierung
Der Bau der Ersatzspielstättte Oper am Luisenpark (Opal) ist über einen Kredit der Stadt finanziert worden. Auch diesen Kredit muss das Nationaltheater, mit Zins und Tilgung, selbst schultern, um den städtischen Etat zu entlasten. Dabei handelt es sich um 23,7 Millionen Euro. Nach Ende der Generalsanierung soll Opal, das überwiegend aus Fertigbauteilen und Containern besteht, so weit wie möglich ganz oder teilweise verkauft werden. „Wir werden es nicht weiterbetreiben“, bekräftigt Riehle.
Corona-Spätfolgen
Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sinken die Zuschauerzahlen, verschärft dann nochmal durch den Beginn der Generalsanierung und den Umzug in kleinere, weiter entfernte Ersatzspielstätten. Dadurch war der reguläre Betriebskostenzuschuss der Stadt „nicht mehr auskömmlich“, wie Riehle das formuliert. So sind 37 Millionen Euro an Defizit aufgelaufen. Die muss das Nationaltheater nun aus eigener Kraft abtragen. „Das Regierungspräsidium hat der Stadt einen weitergehenden Defizitausgleich für das Theater untersagt“, heißt es dazu im Brief des Oberbürgermeisters. Schließlich habe die Rechtsaufsichtsbehörde das Rathaus angewiesen, insgesamt Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe vorzunehmen und „viele Leistungen auf den Prüfstand zu stellen und zu reduzieren“. Das gelte auch für das Theater.
Vorgabe ab 2028
Von der Intendanz verlangen Stadtspitze und Gemeinderat, dass es ab der Spielzeit 2028/29 – mit Rückkehr in das Haus am Goetheplatz – eine „schwarze Null“ schreibt, also trotz aller zusätzlichen Belastungen aus den Krediten mit viel weniger Geld auskommt. Sollten im sanierten Haus die Betriebskosten steigen, muss das Theater dies selbst auffangen. Die Stadt garantiert weiter nur den bisherigen Betriebskostenzuschuss. Auch das sei „in einer Zeit, in der wir viele Leistungen für die Bürgerschaft reduzieren müssen, keine Selbstverständlichkeit“, mahnt Specht. Er beträgt derzeit 32,7 Millionen Euro und einschließlich Landeszuschuss 53,6 Millionen – doch nur theoretisch. Abgezogen werden müssen fünf Prozent, die alle Dienststellen der Stadt quer durch Verwaltung und Einrichtungen an Abstrichen akzeptieren müssen.
Zuschauerzahl und Preise
Die Stadt verlangt von den Intendanten ab 2028 „eine dauerhaft hohe Auslastung“ von 350.000 Besuchern pro Spielzeit (die es vor Corona gab). „Das Theater wird künftig noch stärker als bisher auf eine hohe Auslastung und ein für viele Zielgruppen attraktives Programm achten müssen“, verlangt Specht in seinem Schreiben. „Vor allem den Ansatz, das Haus weiter zu öffnen, neue Besuchergruppen zu erschließen und Berührungsängste abzubauen, sollten wir weiterverfolgen“, bittet der Oberbürgermeister die Theaterleute. „Auch eine Erhöhung der Preise über das bislang geplante Maß hinaus ist unvermeidbar“, schreibt er zudem, ohne dass es dazu schon Details gibt. Zuletzt waren im Mai die Ticketpreise angehoben worden.
Die offene Frage
Auf das Konzept haben sich Oberbürgermeister, Kulturbürgermeister, Finanzdezernent, die Intendanten und der Gemeinderat geeinigt. Umgesetzt werden kann es nur, wenn das Regierungspräsidium als Rechtsaufsichtsbehörde dieses Konzept mitträgt. Das ist offen. Riehle wird dazu in Karlsruhe mit der Regierungspräsidentin sprechen. Dann wird der Gemeinderat eine Vorlage bekommen und darüber abstimmen.
Intendantenmodell
Seit 2013 wird das Nationaltheater von fünf Intendanten geführt, dem Geschäftsführenden Intendanten sowie je einem Spartenintendanten für Oper, Schauspiel, Tanz und Jugendtheater, jeweils mit Assistent(en). Früher gab es nur einen Generalintendanten. Laut Riehle ist „bisher nicht besprochen“, ob es bei diesem – von Anfang an umstrittenen – Führungsmodell bleibt, man müsse aber „dazu nun relativ schnell in die Diskussion gehen“. Dazu befragt die Verwaltung derzeit Experten. „Sehr viel teurer“ sei die Lösung mit fünf Intendanten nicht, sagt Riehle. Wenn es dabei bleibe, müsse man „inhaltliche Punkte nachschärfen“. Opernintendant Albrecht Puhlmann hört 2028 auf, Jugendtheater-Chefin Ulrike Stöck Mitte 2027. Insofern muss bald entschieden werden. Specht hat, wie er auf Nachfrage sagt, keine klare Präferenz: „Man kann bei beiden Modellen sparen, wichtig ist die Wirtschaftlichkeit.“
